Afrika weist ein beeindruckendes Bevölkerungswachstum auf. Das stellt viele Staaten vor gewaltige Herausforderungen – allerdings nutzen einige auch neue Chancen.

Heute leben 7,6 Milliarden Menschen auf der Welt und jede Sekunde werden es zwei mehr. Einen großen Anteil der Bevölkerungszahl hat der afrikanische Kontinent, der ein besonders starkes Bevölkerungswachstum aufweist. Dadurch wird der Anteil der Afrikaner an der Weltbevölkerung weiter steigen, wodurch im Jahr 2050 fast jedes zweite weltweit geborene Kind auf dem afrikanischen Kontinent zur Welt kommen wird. Denn global gesehen bekommt jede Frau im Durchschnitt 2,5 Kinder. In Afrika ist diese Zahl mit 4,7 beinahe doppelt so hoch. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Geburtenrate mit etwa 1,6 im eher unteren Bereich, die Nigerianer sind mit etwa 7 Kindern pro Frau Spitzenreiter. Nigeria, das bevölkerungsreichste Land des Kontinents, hat soeben die 200-Millionen-Marke geknackt, wobei dies auch nur eine vorsichtige Schätzung darstellt. Denn in vielen Ländern gibt es kein einheitliches Bevölkerungsregister und Volkszählungen finden nur selten und ungenau statt.

Afrikas Herausforderungen und Chancen des Wachstums

Dieses große Bevölkerungswachstum bringt jedoch einige Probleme mit sich. Besonders einkommensschwache Familien können es sich kaum leisten, alle Kinder ausreichend zu versorgen und auszubilden. Wenn diese dann erwachsen werden, gibt es für sie nicht ausreichend Jobs. Kinder werden in der Familie oft noch als die einzige Absicherung für die Zukunft gesehen. Immer mehr Nachwuchs kann das überforderte Bildungs- und Gesundheitssystem kaum effizient stemmen. Fachleute warnen vor unkontrolliert wachsenden Städten und steigenden Verteilungskonflikten um Ressourcen.

Eine Senkung der Geburtenrate könnte somit einen positiven Effekt haben: So kann mehr Geld pro Kopf in Bildung investiert werden, wodurch mehr ausgebildete junge Afrikanerinnen zu einem wirtschaftlichen Aufschwung gelangen. Auf der anderen Seite führt diese Tendenz langfristig zu einer alternden Gesellschaft. Dieser Effekt ist in den westlichen Industrienationen und in China zu beobachten.

Afrika hofft auf demographische Dividende

Die größte Chance des Bevölkerungswachstums liegt wohl in der sogenannten demographischen Dividende. So wird das Zeitfenster bezeichnet, bei dem es noch nicht sonderlich viele ältere Menschen gibt, aber dafür umso mehr junge welche das Arbeitsalter erreichen. Somit erhöht sich der Anteil der arbeitsfähigen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung im Vergleich zu Älteren und Kindern, welche versorgt werden müssen. Besonders in Afrika südlich der Sahara ist dieses Zeitfenster derzeit offen. Etwa 60 Prozent der Menschen sind hier unter 25 Jahre alt. Jedoch muss auch zielführend daraufhin gearbeitet werden, dass Länder aus der bestehenden Chance eine wirtschaftliche Dividende einfahren.

An erster Stelle steht die Schaffung von Arbeitsplätzen, denn den vielen jungen Menschen muss die Möglichkeit einer Perspektive gegeben werden. Zum Teil geht das von selbst: Mehr Menschen sorgen für ein natürliches Wirtschaftswachstum. Sie geben Geld für Essen aus, kaufen Kleidung, telefonieren und kurbeln die Wirtschaft an. Tatsächlich ist ein großer Teil des afrikanischen Wirtschaftswachstums innerhalb der letzten Jahre auf die erhöhte Bevölkerungszahl zurückzuführen. Sollte die Bevölkerung jedoch weiterwachsen, ohne dass Investitionen und Innovationen auch die Produktivität erhöhen, verpufft die Chance auf die demographische Dividende. Dann wächst die Zahl der Essenden schneller als der Kuchen, von dem sie essen.

Afrikas Regierungen greifen nun ein

Während viele afrikanische Länder noch immer von Bevölkerungswachstum auf Wirtschaftswachstum schließen, haben andere mittlerweile Maßnahmen einer aktiven Familienpolitik ergriffen. Statistiken belegen einen starken Zusammenhang zwischen fehlendem Zugang zu modernen Verhütungsmitteln und einem geringen Anteil von Mädchen an weiterführenden Schulen. Zwei Drittel aller Analphabeten weltweit sind Mädchen und Frauen, die meisten davon sind Mütter. Hier setzten manche Regierungen an: Ruanda etwa konnte durch Investitionen in das Gesundheitssystem und Beratungsangebote die Verwendung von Verhütungsmitteln um 60 Prozent steigern. Auch Äthiopien gilt als Vorbild: Das Land bildete tausende Frauen zu Gesundheitshelferinnen aus und förderte die Gesundheitsvorsorge in den Gemeinden. Mit Erfolg: Das Bevölkerungswachstum sank und die durchschnittliche Lebenserwartung stieg um sechs Jahre. Darüber hinaus stieg die Zahl der eingeschulten Mädchen und erwerbstätigen Frauen, wodurch ihnen eine bessere Zukunft ermöglicht wird.

Im Bereich der Familienplanung gilt Bildung als der Schlüssel zum Erfolg. Aufklärung im Bereich der Sexualität ermöglicht es Frauen, eine ungewollte Schwangerschaft zu verhindern und gemeinsam mit dem Partner den Nachwuchs zu planen. Denn Familienplanung gilt in vielen Ländern als Tabu. Viele Jugendliche wissen daher wenig über Verhütung und Sexualität allgemein. Besonders für junge Frauen ist eine gute Ausbildung wichtig, um finanziell unabhängig und somit erwerbstätig zu werden. Denn wenn durch eine Ausbildung der Lebensunterhalt gesichert werden kann, sind möglichst viele Kinder nicht mehr die einzige Möglichkeit für die Altersvorsorge.

Gesundheit, Bildung, Einkommen

Während die Industrienationen mit einer zunehmenden Alterung der Gesellschaft zu kämpfen haben, bieten sich dem afrikanischen Kontinent durch das Bevölkerungswachstum Chancen, um einen wirtschaftlichen Aufschwung zu erreichen. Drei Pfeiler sind hierbei entscheidend: Gesundheit, um die hohe Kindersterblichkeitsrate zu reduzieren, Bildung, um qualifizierte und unabhängige junge Menschen zu fördern und Arbeitsplätze, um sie auch ins Erwerbsleben zu integrieren. Genau die drei Grundsätze, für welche sich die Stiftung Stay einsetzt. Wir bündeln 80 Sozialunternehmen in Uganda, Kenia und Ruanda, welche Arbeitsmöglichkeiten und Einkommen der lokalen Bevölkerung schaffen. Rund 25 dieser Sozialunternehmen konzentrieren sich vor allem auf junge Frauen und Mütter, womit mehr Unabhängigkeit dieser erreicht werden kann. Außerdem schulen wir Gesundheitshelfer, welche sich nach ihrer Ausbildung ins Land verteilen und ihr Wissen weitergeben. Dadurch erreichen wir eine erhöhte Aufklärung von Krankheiten, wodurch auch die Kindersterblichkeit gesenkt werden kann. Und unser Einsatz kommt immer mehr Menschen zugute: Denn während dem Verfassen dieses Textes sind in Afrika über 100 Menschen zur Welt gekommen.

Sebastian Egger

Quellen: FAZ, taz, Welt, Deutsche Welle, Tagesschau, Spiegel Online, Frankfurter Rundschau