Agritech: Mit intelligenter Landwirtschaft gegen den Hunger

By |2021-11-12T18:16:00+00:00November 12, 2021|Entwicklung|

Der Begriff Agritech setzt sich aus den beiden englischen Begriffen Agriculture und Technology zusammen. Er beschreibt, wie technologische Innovationen in der Agrarwirtschaft zum Gamechanger im Kampf gegen Hunger werden können.

Kann eine App Nahrung produzieren – und das auch noch billiger? In Subsahara-Afrika, einer Region mit viel Anbaufläche und vielen Kleinbäuer:innen, wäre das ein riesiger Fortschritt. Denn dort leben drei von vier der aktuell über 810 Millionen hungernden Menschen auf der Welt. Dabei sind die Anbaumöglichkeiten der Welt bei weitem noch nicht ausgeschöpft – sie würden sogar noch für einige Milliarden Menschen mehr reichen, rechnet der International Fund for Agricultural Development der UN vor. Aber es kommt auf die Produktivität an. Bessere Ernten können Leben retten – Agritech kann für bessere Ernten sorgen.

Denn Agritech bezeichnet den Einsatz modernster Technologie in der Landwirtschaft. Viele dieser Lösungen sind tatsächlich App-unterstützt. Die Anzahl an Agritech-Anbietern ist zuletzt besonders in Afrika stark gestiegen, in den letzten Jahren um mehr als 100 Prozent. Dieser rasante Zuwachs ist Ausdruck der Vorteile von Agritech – insbesondere für Afrikas Kleinbäuer:innen. Und sie profitieren auf beiden Seiten: Einerseits sparen sie durch den Einsatz von Technologie Arbeitsaufwand und Kosten. Andererseits können sie mehr ernten und schließlich auf den Märkten mit größerem Gewinn verkaufen.

Agritech für eine nachhaltigere Landwirtschaft

In der Praxis sieht das ganz unterschiedlich aus. Viele der angebotenen Agritech-Lösungen helfen den Kleinbäuer:innen zum Beispiel dabei, nicht nur effizienter, sondern auch umweltschonender zu arbeiten. So wie das kenianische Startup Synnefa: Das Unternehmen baut Gewächshäuser mit künstlicher Intelligenz. Diese düngen und bewässern die Pflanzen im Gewächshaus basierend auf Daten, die mit Hilfe von Machine Learning gewonnen wurden. Das Gewächshaus sorgt also selbst dafür, dass die Pflanzen immer zum idealen Zeitpunkt bekommen, was sie brauchen – nicht zu wenig aber auch nicht zu viel Wasser.

Die Kleinbäuer:innen sparen damit bis zu 60 Prozent Wasser. In einigen wasserarmen Regionen könnte das den Unterschied machen zwischen „Ernte“ und „keine Ernte“. Das System lässt sich ganz bequem und mit wenig Zeitaufwand vom Smartphone aus steuern. Agritech schafft hier die Quadratur des Kreises – der Ertrag wächst, die Umweltbelastung sinkt.

Durch Agritech vom Feld zum Markt

Überhaupt führen Mobiltelefone zu einer kleinen Agrar-Revolution. Der Wissenschaftsjournalist Reiner Klingholz berichtet auf seinem Blog: „Afrikanische Landwirte lassen sich mobil beraten und schließen Ernteausfallversicherungen ab. Sie profitieren von Unternehmen wie dem kenianischen Hello Tractor, einer Art Uber für Landmaschinen, das Traktoren und andere Gerätschaften samt Fahrer auf mobile Anfrage bereitstellt und den Gebrauch per GPS-Ortung minutengenau abrechnet.“

Doch Agritech beschränkt sich nicht nur auf die Nutzung von Technologien bei Anbau und Ernte selbst. Es bietet auch Lösungen für kürzere Lieferketten und den fairen Verkauf der Produkte. Auch hier liegt enormes Potenzial für Produktivitätssteigerungen. Denn nur ein fünftel der Nahrungsmittel in Afrika wird von den Familien verzehrt, die sie angebaut haben, errechneten Forscher der Michigan State University. Der Rest wandert über lange Lieferketten, über LKW, Verarbeitende und Großhändler:innen und schließlich über Millionen informeller Händler:innen, bevor er bei den Kund:innen ankommt.

Das Unternehmen Taimba in Kenia setzt stattdessen auf eine Online-Plattform, die es Bäuer:innen erlaubt, sich direkt mit Einzelhändler:innen, Restaurants oder Schulen über Liefermengen, Zeitpunkt und Preise auszutauschen. Es wird also keine Zwischeninstanz mehr benötigt. Durch die verkürzte Wertschöpfungskette bleibt am Ende mehr Gewinn für die Beteiligten übrig. Den Zugang zur Plattform erhalten alle Nutzer:innen auch hier am einfachsten über eine App auf dem Smartphone. Agritech sorgt also dafür, dass lange Lieferketten und undurchsichtige Preise der Vergangenheit angehören.

Agritech macht reicher und satter

Je nach Region sind bis zu 80 Prozent der Menschen in Afrika in der Landwirtschaft beschäftigt; sie tragen durchschnittlich 20 Prozent zur gesamten Wertschöpfung bei. Damit ist die Landwirtschaft gleich in doppelter Hinsicht ein entscheidender Hebel: Mit gezielten Produktivitätssteigerungen können die Familien, die vom Anbau leben, ihr Einkommen verbessern und so der Armut entkommen. Zweitens hilft Agritech dabei, überhaupt genügend Nahrungsmittel für alle zu produzieren – und damit die hohe Zahl an weltweit hungernden Menschen zu verringern.

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Lena Kirchner arbeitet ehrenamtlich bei Stay und hilft dabei, über Projekte und interessante Entwicklungen in Ostafrika zu berichten.