Leapfrogging in Afrika: Wo uns unser Nachbarkontinent überholt

By |2021-11-26T10:43:54+00:00Oktober 25, 2021|Entwicklung|

Leapfrogging bezeichnet das Überspringen von überkommenen Entwicklungsstufen, insbesondere im technischen Bereich. Wie Leapfrogging Afrika nützen kann – und wo uns der Kontinent bereits vorauseilt.

Mary hat gerade noch ein paar Rechnungen per SMS bezahlt. Jetzt schließt sie ihr Smartphone zum Laden an. Der Strom dafür kommt von der Solarzelle auf ihrem Dach. Auch diese zahlt sie per SMS ab. Da landet auch schon surrend die Drohne vor ihrem Haus, sie bringt frisches Saatgut. Es kommt genau rechtzeitig, denn die Kleinbäuerin Mary will heute Sojabohnen zwischen dem Mais auf ihrem reinen Bio-Feld aussäen. Den richtigen Zeitpunkt dafür verrät ihr eine App. Marys Erträge auf ihrem Stück Land sind hoch  – ihr CO2-Fußabdruck ist klein.

Was klingt wie Zukunftsmusik, ist mindestens zum Teil in vielen Regionen Afrikas heute schon Alltag. Unser südlicher Nachbarkontinent galt lange als rückständig. Doch in vielen Bereichen holt Afrika sprunghaft auf. Denn oft spart es unproduktivere Entwicklungsschritte aus und vermeidet Fehler, die andere Länder bereits gemacht haben. Der Abgehängte wird zum Vorreiter. Dabei fallen einige Bereiche besonders auf, auf denen dieses sogenannte Leapfrogging Afrika zum Vorreiter werden lässt.

Smarter telefonieren ohne Kabel

Smartphones ändern alles – das gilt in Afrika sogar noch mehr: Dort ist das Smartphone für viele Menschen das erste Telefon überhaupt. Der klassische Festnetzanschluss war selten, weil das Netz nicht überall verfügbar war. Oder weil er einfach zu viel kostete. Mobiltelefone oder Smartphones hingegen hat in Afrika jede:r in der Tasche: Bis zu 90 Prozent der Bevölkerung nutzen sie. Ein klassischer Leapfrog.

Das Smartphone ist gleichzeitig eine Geldbörse. 40 Millionen Kund:innen bezahlen damit rund 12 Milliarden Rechnungen im Jahr allein über den Zahlungsdienstleister M-Pesa aus Nairobi. Die meisten von ihnen haben bis heute kein Bankkonto, geschweige denn eine Kreditkarte. Sie sprangen direkt ins Zeitalter des mobilen Bezahlens.

Start-ups wie zum Beispiel Brainshare aus Uganda nutzen die hohe Smartphone-Abdeckung für Bildungsangebote. Mit ihrer App vernetzen sie Schüler:innen, Eltern und Lehrkräfte. Sie erleichtern so den Austausch von Lehrmaterialien, Fragen und Antworten. Kurz gesagt ermöglichen sie alles, was auch im Klassenzimmer passiert – nur aus beliebiger Entfernung und zu jeder beliebigen Zeit. Solche EdTech-Lösungen sind eine große Erleichterung für Kinder in den weit verstreut liegenden Farmen.

Wie Energie-Leapfrogging Afrika neuen Schwung verleiht

Noch fehlt es Afrika an Strom: Vor wenigen Jahren hatten über eine Milliarde Afrikaner:innen so wenig Strom zur Verfügung wie elf Millionen Belgier:innen. In Uganda etwa ist nur jeder vierte Haushalte an das öffentliche Stromnetz angeschlossen.

Bei der Elektrifizierung gehen viele Länder Afrikas weniger den Weg über die Verstromung fossiler Brennstoffe, die zu hohem CO2-Ausstoß führt. Stattdessen nutzt Afrika immer stärker das enorme Potenzial seiner natürlichen Ressourcen: Wind, Wasser, Sonne. Kenia etwa investiert Milliarden US-Dollar in Solar- und Windkraftanlagen. Doch noch wichtiger als einzelne Großprojekte sind massenweise Solarzellen auf privaten Dächern. Selbst in Armenvierteln oder in abgelegenen Dörfern. In Uganda produzieren heute bereits mehr Haushalte ihren eigenen Solarstrom als ans öffentliche Netz angeschlossen sind. Ihre Solarzellen können die privaten Investierenden übrigens auch über ein SMS-Bezahlsystem abstottern.

Fachleute sind überzeugt: Energie-Leapfrogging wird eine Erfolgsgeschichte der entwickelnden Länder. Für sie ist der Sprung direkt zu nachhaltiger und dezentral produzierter Energie eine große Chance. Das gilt gerade begleitend zu Urbanisierung und zunehmender Industrialisierung.

Mit einem Sprung zur nachhaltigen Landwirtschaft

Wie passt dieser Widerspruch zusammen? Über die Hälfte des fruchtbaren Bodens der Welt liegt in Afrika. 80 Prozent der Bevölkerung der Subsahara arbeiten in der Landwirtschaft. Doch gleichzeitig importiert Afrika unterm Strich Nahrungsmittel wie Getreide, und 500 Millionen Afrikaner:innen leiden Hunger. Einer der Gründe, die diesen Widerspruch auflösen: Die kleinbäuerliche Landwirtschaft Afrikas ist oft nicht produktiv genug. Afrika entdeckt hier gerade das Potenzial für das nächste große Leapfrogging.

Denn die Erträge der Kleinbäuer:innen lassen sich erheblich steigern. Ein Schlüssel dazu ist die Mischwirtschaft: Werden etwa Soja und Mais zeitgleich auf dem gleichen Feld angebaut, verstärken sie gegenseitig ihr Wachstum. Das ist ein Grund, warum die UN-Organisation IFAD (Internationaler Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung) gezielt auf die Förderung kleinbäuerlicher Betriebe setzt. „Mit industriellen Erntemaschinen geht so eine Mischwirtschaft nicht“, erklärt ihr Vizepräsident im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Monokulturen bräuchten viel Pestizide, die Kleinbäuer:innen könnten daher nachhaltiger wirtschaften. „Sie wollen nicht die Fehler der europäischen industriellen Landwirtschaft wiederholen.“ Die Chance ist da, dass in Afrika ein Netz von hochproduktiven und nachhaltigen landwirtschaftlichen Betrieben entsteht. Und das ganz ohne Intensivwirtschaft und Massentierhaltung.

Landwirtschaftliche Schulungsprogramme wie Stay Seed arbeiten genau daran. Sie fördern eine Idee von Landwirtschaft, die sowohl für Afrika als auch den globalen Norden neuartig ist. Die Chancen stehen gut, dass Afrika dabei einmal mehr zum Vorreiter wird.

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Andreas Kugler arbeitet bei Stay und trägt dazu bei, dass die Stiftung und ihr neuer Weg in der Armutsbekämpfung immer bekannter werden.