Ein Leben in Würde beginnt mit einer Kindheit im Schulhaus. Doch Corona gefährdet Bildung als Grundlage für eine bessere Zukunft.

Es ist der in der Coronakrise vergessene Trend, dabei droht er genauso abzustürzen wie das Wirtschaftswachstum: Der Trend der Alphabetisierung. Jahrelang hat er nach oben gezeigt. Mittlerweile können 70 Prozent der jungen Afrikanerinnen und Afrikaner lesen und schreiben. Sie gelten als die am besten ausgebildete Generation, die der Kontinent jemals hatte. Die Einschulungsraten der Kleinsten stiegen durchweg an. Doch all das droht nun verloren zu gehen.

Wenn die UNESCO wie jedes Jahr am 8. September den Weltbildungstag (oder Weltalphabetisierungstag – International Literacy Day) ausruft, stellt sie diesmal zu Recht die verheerenden Folgen der Corona-Pandemie in den Mittelpunkt. Sie warnt, dass viele Bildungsangebote in der Krise ausgesetzt oder eingestellt wurden, Schulen genauso wie Schreib- und Leseprogramme für Erwachsene. Dabei steht Bildung für Kinder und Erwachsene ganz oben auf der Liste der UN-Entwicklungsziele: „Bildung ist der Schlüssel dafür, um aus Armut auszubrechen“, heißt es im vierten Ziel. Die Corona-Pandemie hat es zerschmettert: Die Zahl der Kinder, die nicht zur Schule gingen, schoss im April 2020 auf die höchste je erreichte Zahl, nämlich 1,6 Milliarden. Das sind mehr als sechsmal so viele wie zwei Jahre zuvor. Die Folgen gerade für Afrika könnten verheerend sein.

Bildung für eine nachhaltige Entwicklung Afrikas

Denn ohne Schule gibt es keinen Aufstieg. Gerade den ärmsten Ländern wird das Fundament für eine bessere Zukunft entzogen. Laut UN lebt die Hälfte aller Kinder weltweit, die nicht zur Schule gehen, in Subsahara-Afrika, ebenso wie ein Viertel aller Analphabeten. Der ärmste Kontinent ist auch der mit dem niedrigsten Bildungsstand. Wenn es so weitergeht, droht die nächste Generation von extrem Armen heranzuwachsen. Und dann die nächste.

Bildung bietet den aussichtsreichsten Ausweg aus diesem Teufelskreis. Insbesondere in der besseren Bildung von Mädchen und jungen Frauen sehen Fachleute ein enormes Potenzial für Afrikas Entwicklung. Die Weltbank nennt die Schulbildung von Mädchen sogar die „wirksamste Investition in die Entwicklung“ überhaupt. Die strahlt auch auf die Familien der Frauen aus: Frauen mit einer guten Schulbildung können nicht nur besser für die eigene Gesundheit, sondern auch für die ihrer Kinder sorgen. Sie gewinnen an Selbstbestimmung über ihren eigenen Körper. All das könnte sich dämpfend auf Geburtenraten und Säuglingssterblichkeit auswirken.

Kinder müssen arbeiten, weil Eltern arm sind

Doch traditionell müssen Mädchen in Subsahara-Afrika im Haushalt helfen oder bei der Pflege kranker Familienmitglieder mit anpacken. Überhaupt gehen viele Kinder in der Region nicht zur Schule, weil sie mit anderen Arbeiten beschäftigt sind. Viele von ihnen müssen Geld verdienen, weil das Einkommen der Eltern allein nicht reicht. Die Coronakrise macht das nur noch schlimmer. Denn der Pandemie folgt die Wirtschaftskrise. Lockdown und wirtschaftlicher Abschwung zwingen noch mehr Eltern als vorher, ihre Kinder zum Geldverdienen zu schicken. Fachleute schätzen den Anstieg der Kinderarbeit auf bis zu 30 Prozent. Viele Schulbänke, die im Lockdown unbesetzt waren, könnten für immer leer bleiben. Was droht, ist eine verlorene Generation, die zwar das Virus überlebt hat, aber als Preis dafür dauerhaft in extremer Armut gefangen bleibt.

Gesundheit, Bildung, Einkommen: Der Weg aus der Armut

Am Weltbildungstag kann es nicht nur darum gehen, die düsteren und eigentlich längst bekannten Fakten zu wiederholen. Sondern es geht um Wege aus der absehbaren Armutskatastrophe. Auf zweierlei kommt es nun an: Erstens muss die Verbreitung des Coronavirus wirksam eingedämmt werden. Dabei helfen Aufklärungskampagnen über die Bedeutung von Hygiene und Vorsorge. Zweitens müssen die Eltern in die Lage versetzt werden, sich die Schule für ihre Kinder zu leisten. Sie müssen selbst genug für die ganze Familie verdienen können – insbesondere durch berufliche Bildung.

Daraus ergibt sich eine Gesamtstrategie aus Gesundheit, Bildung und Einkommen: Nur wer gesund ist, kann lernen und sich weiterbilden. Nur wer gebildet ist, kann finanziell auf eigenen Beinen stehen. Und nur ein verlässliches Einkommen der Eltern ermöglicht die Schulbildung der kommenden Generation. Eins führt zum anderen – und nur alles zusammen führt zu einer Entwicklung aus der Armut.

Quellen: UNESCO, Weltbank, WHO, Asfa-Wossen Asserate: Die neue Völkerwanderung, Bärbel Dieckmann in: Der Tagesspiegel vom 26.06.2018