Der Mann, der auf seiner Fahrradtour Europa umradelte

By |2022-07-22T16:33:54+00:00Juli 14, 2022|stayrider|

Ein Mann schwingt sich allein und fast ohne Gepäck auf sein Rad, um auf einer Fahrradtour Europa zu durchqueren. Über Gefahren, Glücksmomente und Erkenntnisse.

Jürgen Hofer ist immer wieder für eine Überraschung gut. Als junger Mann hat er sich schon einmal spontan auf eine kaum vorbereitete Radtour begeben. Im Laufe der Jahre hat er sich immer wieder auf Abenteuer eingelassen, darunter vier Ironman-Schindereien. Irgendwann hat er seine führende Stellung in einer Privatbank aufgegeben, um sich in der wohltätigen Stiftung Stay einzubringen. Aber das alles ist nichts im Vergleich zu seiner bislang verrücktesten Idee: Einer Radtour quer durch Europa im Rekordtempo.

Er hat’s durchgezogen. Im Frühjahr und Sommer 2022 hat er innerhalb von zwei Monaten 14.500 Kilometer und 125.000 Höhenmeter mit dem Fahrrad zurückgelegt. Er ist dabei allein ohne Begleitung entlang der europäischen Grenzen gefahren. Als #stayrider hat er mit dieser spektakulären Aktion Spendengelder in Höhe von 135.000 Euro für die Stiftung Stay gesammelt, um Afrikas Ärmste im Rahmen von Stay Entwicklungsprogrammen aus ihrer extremen Armut zu befreien.

Die Strecke

Am 30. April um 6:00 Uhr morgens fiel der Startschuss zur Fahrradtour um Europa vor dem Fietsen Radcafé im Stuttgarter Westen. Sein erstes Etappenziel führte Jürgen noch am Starttag in das 320 Kilometer entfernte Innsbruck. Von dort aus ging es immer weiter durch Europa. In einem unglaublichen Tempo und mit rund 235 zurückgelegten Kilometern pro Tag hat Jürgen 25-mal eine innereuropäische Landesgrenze passiert. Als Jürgen am 1. Juli nach 62-tägiger Mammut-Tour wieder zum Fietsen Radcafe zurückkehrte, war dies ein sehr emotionaler Moment. Hinter Jürgen lagen enorme Strapazen, zahlreiche Eindrücke von Landschaften und Leuten sowie viele Glücksmomente.

Die Straßen

Die Qualität der Straßen war je nach Land und Region ganz unterschiedlich. Da gab es zum einen die sehr gut ausgebauten Strecken – bis hin zur Fahrradautobahnen im Norden Europas – , die angenehm und sicher zu befahren waren. Aber da waren auch die katastrophalen Schotterwege und die Straßen mit starken Schäden im Belag. Noch gefährlicher wurde es durch den streckenweise mörderischen Straßenverkehr. In vielen Ländern nehmen Lkw-Fahrende praktisch keine Rücksicht auf Radfahrer. „Ich lernte, supersensibel auf Truck-Geräusche zu reagieren und konnte irgendwann hören, wann ein Lkw beschleunigt, schaltet oder zum Überholen ansetzt“, erzählt Jürgen. Und dennoch: Ein paar Mal war es richtig gefährlich. Zum Glück blieb Jürgen unfallfrei und unversehrt. Unser #stayrider muss einen persönlichen Schutzengel gehabt haben. Mindestens einen!

„Manche Schlaglöcher waren so groß, dass darin Kinder verloren gehen könnten.“

Jürgen Hofer ist der #stayrider

Das Wetter

Der Wettergott hat es nicht immer gut mit Jürgen gemeint. Den ersten Teil der Strecke über die Alpen musste Jürgen im Schneeregen zurücklegen. Anfang Mai war auch das Wetter in Italien lange Zeit enttäuschend kühl und regnerisch. Erst in der Toskana wurde es besser. Doch die Freude währte nur kurz: Seine Tour führte ihn über die Côte d’Azur und Monaco nach Spanien. Jenseits von Saragossa wurde es unerträglich heiß. Temperaturen von bis zu 44° C und immer wieder stürmischer Gegenwind in Spanien erwiesen sich als enorme Strapazen.

Mehrere Tage Dauerregen in den Benelux-Ländern haben auch das Material seines Fahrrads stark in Mitleidenschaft gezogen. Jürgen musste auf seiner Fahrt einige „Boxenstopps“ einlegen, um sein Fahrrad ausgiebig warten zu lassen. „Kein normaler Mensch fährt zehn Stunden am Stück im Regen, und dann am nächsten Tag wieder und wieder. Ein Fahrrad ist dafür einfach nicht gemacht“, erinnert er sich.

Die Verpflegung

Ein wichtiges Thema bei dieser enormen körperlichen Belastung war die regelmäßige Nahrungsaufnahme. Jürgen hat täglich sage und schreibe rund 12.000 kcal verbraucht. Dieser Kalorienverlust ist mit einer normalen Ernährung nicht auszugleichen. Dadurch war Jürgen genötigt, zwanghaft Kalorien zu sich zu nehmen, um seinem Körper die dringend benötigte Energie zurückzugeben. Für schnelle Energie besorgte er sich überall an Europas Tankstellen Schokoriegel und verputzte jeden Tag mindestens 20 davon. Wenn er essen ging, bestellte er zwei bis drei Hauptgerichte. Ab einem bestimmten Punkt rebellierte jedoch regelmäßig sein Magen und Jürgen konnte nichts mehr essen.

Auch das Gleichgewicht des Mineralienhaushalts spielte während der Tour eine wichtige Rolle. Der Arzt hatte Jürgen beim medizinischen Check vor Tour-Beginn den Genuss von alkoholfreiem Weißbier dringend empfohlen. Bier ist isotonisch und enthält wichtige Nährstoffe.

Brenzlige Momente gab es, wenn auf spärlich besiedelten Strecken im spanischen Kernland oder in Osteuropa kein Essen oder keine Getränke verfügbar waren. Gerade bei brütender Hitze hätte ein Mangel an Flüssigkeit für Jürgen lebensgefährlich werden können. Deshalb musste er sich für seine Trinkpausen sehr genau an seinen Tourplan halten. Im Notfall konnte er es sich nicht leisten, wählerisch zu sein und musste jegliches Wasser trinken. „Wo Tiere tranken, trank ich auch – einmal sogar mit Ziegen aus einem Trog. Es ging nicht anders“, erzählt er.

Nach dem Ende seiner Tour hat sich das enorme Kaloriendefizit auch in Jürgens Statur widergespiegelt. Unser #stayrider besaß schon vor seiner Tour eine sportlich-schlanke Figur und verfügte praktisch über keine körperlichen Reserven. Durch den hohen Kalorienverbrauch bringt er nach dem Ende seiner Tour nun ganze zehn Kilogramm Körpergewicht weniger auf die Waage.

Die anderen Gefahren

Eine große Bedrohung für Jürgen, als er auf seiner Fahrradtour Europa durchquerte, waren an vielen Orten Osteuropas die freilaufenden Hunde. Immer wieder wurde Jürgen von ganzen Rudeln begleitet oder gejagt. Da galt es, die Nerven zu bewahren und möglichst unauffällig an den oftmals abgerichteten Wachhunden vorbeizufahren.

Mit Rumänien verbindet Jürgen eine unangenehme Erinnerung. Eine vorab gebuchte und bezahlte Unterkunft erwies sich als verwaistes Hotel. Die Haustür war unverschlossen, doch das Haus selbst menschenleer. Mit der Ungewissheit, was ihn in dieser Nacht erwarten würde, schlief Jürgen nur schlecht und schreckte bei jedem Geräusch auf  – immer in Sorge, dass jemand kommen würde, der ihn für einen Eindringling halten könnte.

„Die Etappe mit Mario Cipollini wird mir für immer im Gedächtnis bleiben.“

Jürgen Hofer ist der #stayrider

Die Menschen

Die große Gastfreundschaft der Menschen, denen Jürgen auf seiner Fahrt begegnet ist, hat ihn sehr bewegt. An vielen Orten wurde er von Fremden mit offenen Armen empfangen und zu einem Getränk oder einer Mahlzeit eingeladen. Oftmals waren dies Einheimische aus den ärmeren Regionen, die selbst nur wenig besaßen.

Und dann gab es noch die Begegnungen mit prominenten Radfahrern. Ein unvergessliches Erlebnis waren die gemeinsamen 100 Kilometer mit Mario Cipollini. Der ehemalige italienische Radrennfahrer ist in seiner Heimat ein Superstar und zählt zu den besten Sprintern der 1990er Jahre. Er hat Jürgen einige der schönsten Strecken Italiens gezeigt – und auch verraten, wo es eine exzellente Tasse Kaffee gibt.

In Leipzig traf Jürgen auf Robert Förster. Der ehemalige Radrennfahrer hat Jürgen tatkräftig unterstützt, als er vor dem Pfingstwochenende dringend eine Werkstatt mit Spezialteilen für sein Fahrrad ausfindig machen musste. Ansonsten wäre eine Weiterfahrt unmöglich gewesen. Gemeinsam fuhren die beiden danach von Leipzig über Dresden bis zur polnischen Grenze. Und in Slowenien traf Jürgen dann auf Matej Mohoric. Der aktive Radrennfahrer ist der diesjährige Sieger des Radrennens Mailand-Sanremo.

Am Ende der Fahrradtour Europa noch mehr geschätzt

Für Jürgen sind zwei unvergessliche Monate mit vielen wertvollen Erinnerungen zu Ende gegangen. Trotz aller Strapazen hatte er immer sein großes Ziel vor Augen: Spenden sammeln, um Afrikas Ärmste zu unterstützen.
Die Eindrücke der langen Tour mit allen Höhen und Tiefen gilt es nun zu verarbeiten. Jürgen schaut auf diese Zeit mit Demut und Dankbarkeit zurück. Unterm Strich sagt er: „Wir können froh sein, in diesem reichen und vielseitigen Europa leben zu dürfen.“ Er hat diese Tour gemacht für Menschen, denen es nicht so gut geht.

Die Spenden, die während seiner Tour zusammenkamen, werden vollständig den Programmen von Stay zugutekommen. Mit Hilfe von Stay-Einkommensprogrammen können sich Familien in Ostafrika ein eigenes Einkommen schaffen. So verbindet Jürgens fantastische Fahrradtour Europa mit Afrika auf einzigartige Weise.

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Petra Ninnemann arbeitet ehrenamtlich bei Stay und unterstützt dabei, über Projekte und Entwicklungen in Ostafrika zu berichten.