Was hilft den Ärmsten Afrikas wirklich? Nach Jahrzehnten der klassischen Entwicklungshilfe gibt es jetzt eine offenbar bessere Antwort.

Als Justine Mukazungu aus Uganda ihre kleine Tochter mit selbstgemachtem Brei fütterte, war sie dabei, Teil einer Revolution zu werden. Diese Revolution löst jetzt gerade ein seit Jahrzehnten über Ländergrenzen hinweg regierendes Regime ab. Es ist das Regime der Entwicklungshilfe.

Deren Bilanz ist mau – wenn nicht erschütternd: Heute hat jeder Mensch südlich der Sahara im Schnitt weniger als zwei US-Dollar am Tag zum Leben, in Europa sind es fast 60 US-Dollar. Die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt dort 61 Jahre, hier 81 Jahre. Ein Viertel der Menschen der Subsahara gilt als unterernährt, in Europa sind es weniger als 4%. Weltweite Armut ist immer noch mit Händen zu greifen – und das auch nach sechzig Jahren und geschätzt zwei Billionen US-Dollar an Entwicklungshilfe.

Es besteht breite Einigkeit, dass wir die Verantwortung haben zu helfen. Aber gleichzeitig breitet sich Unsicherheit aus, ob wir auch das Wissen haben, wie Hilfe geht? Zu wenige Konzepte haben in der Vergangenheit funktioniert. Ob bei NGOs, internationalen Organisationen oder der Bundesregierung, überall ist seit einiger Zeit ein Umdenken spürbar. Wie es dazu kam, lässt sich grob in drei Phasen nacherzählen.

Phase 1: Entwicklungshilfe ohne Langzeitwirkung

Es war eine andere Welt, als die Idee der Entwicklungshilfe entstand: Europa hatte gerade die Erfahrung des verheerenden Zweiten Weltkriegs hinter sich und war selbst im Aufbaumodus. Die Haltung Europas gegenüber Afrika war häufig noch kolonial geprägt, mit einem mehr oder weniger deutlichen Gefühl der Überlegenheit. Und es war die Zeit, in der sich allmählich Ostblock und westliche Wertegemeinschaft zu formieren begannen, neben denen gedanklich die „Dritte Welt“ stand. All das scheint unendlich lange her.

Aus dieser längst vergangenen Zeit stammen auch Entwicklungsprojekte, die in Berlin oder Köln ersonnen wurden, um dann in Benin oder im Kongo zu wirken. Meist bestanden sie aus Geldern für konkrete Maßnahmen, wie etwa einen Krankenhaus- oder Brunnenbau. Das Problem: Zu oft passten diese Projekte nicht zu den örtlichen Familienstrukturen, zu den räumlichen Gegebenheiten, zum Klima, zu den kulturellen Gepflogenheiten – kurz: sie passten nicht zum Bedarf. Zu oft verpuffte ihre Wirkung.

Noch schlimmer war, dass die Initiative von außen die Initiative aus dem Inland lähmte. In Simbabwe zum Beispiel wird das Gesundheitswesen bis heute fast vollständig aus dem Ausland finanziert – die Regierung des Landes hat gar keinen Grund, selbst etwas dafür zu tun, schreibt Farai Mutondoro von Transparency International. Der Berater Asfa-Wossen Asserate zitiert in seinem Buch „Die neue Völkerwanderung“ Vertreter der afrikanischen Elite: „Ihr tut so, als würdet ihr uns helfen, und wir tun so, als würden wir uns entwickeln.“ Eine dauerhafte Verbesserung der Lebensverhältnisse bewirkt dieses Konzept selten. Alles was bleibt, ist eine nachhaltige Abhängigkeit mit einem niemals endenden Geldfluss von Nord nach Süd. Afrikanische Ökonomen wie der Kenianer James Shikwati fordern daher endlich ein Ende der althergebrachten Entwicklungshilfe. Revolutionäre Gedanken.

Phase 2: Mikrokredite als Hilfe zur Selbsthilfe

Es kam denn auch einer Revolution gleich, als Mikrokredite als neue Form der Entwicklungspolitik auftauchten. Muhammad Yunus und seine Grameen Bank erhielten 2006 sogar den Friedensnobelpreis für „wirtschaftliche und soziale Entwicklung von unten“ für genau dieses Konzept. Erstmals wurde der einseitige Geldfluss der klassischen Entwicklungshilfe erweitert um die Rückzahlung der vergebenen Mittel plus Zinsen. Die Idee dahinter: Viele Menschen wollen unabhängig von äußerer Hilfe werden und können auf eigenen Beinen stehen – sie brauchen lediglich eine Einstiegshilfe. Diese erhalten sie in Form eines Kleinkredits. Mit diesem können sie sich eine eigene Existenz als Kleinbäuerin oder Handwerker aufbauen. Wenn sie damit Geld verdienen, zahlen sie den Mikrokredit zurück.

Mikrofinanzierung nutzt den Tatendrang der Einheimischen und spornt sie zu dauerhaftem Erfolg an. Sie kann der Anstoß sein, der als „Hilfe zur Selbsthilfe“ wirkt. Wer von außen hilft, gibt nicht mehr das Programm vor, sondern hilft nur bei der Anschubfinanzierung. Damit wird ein erster, uralter Gründungsfehler der Entwicklungshilfe beseitigt: die fehlende Passung an die Bedürfnisse der Menschen vor Ort.

Über die Jahre ist eine Vielzahl von Mikrokredit-Banken entstanden. Doch ihre Rückflüsse verwenden manche von ihnen dafür, um ihre Geldgeber zu bedienen und ihren Expertenstab aus Controllern und Projektmanagern zu unterhalten. Immer drängender stellt sich die Frage: Kann es eine Lösung geben, bei der eine einmal verabreichte Geldinjektion im Wirtschaftskreislauf des Empfängers verbleibt und immer wieder aufs Neue aktivierend wirkt?

Phase 3: Unternehmerische Entwicklungszusammenarbeit

Die Antwort auf diese Frage liefert das neueste Konzept der internationalen Entwicklungszusammenarbeit, das mitunter „unternehmerische Entwicklungszusammenarbeit“ genannt wird. An ihrem Beginn steht eine Investition in Wissen: Arme Menschen erhalten einfache berufsbezogene Kenntnisse vermittelt, zum Beispiel im Friseurhandwerk, im Sekretariat, in Grafikdesign oder im Computer-Bereich. Nach ihrer Schulung können sie ihr frisch erworbenes Wissen nutzen, um einem Beruf nachzugehen und eigenes Geld zu verdienen. Davon zahlen sie auch die Ausbildungsgebühr zurück. Dieser Rückzahlung kommt eine besondere Bedeutung zu: Sie wird zur Investition in die nächste Generation von Auszubildenden. Und sie schließt einen Kreislauf, in dem immer mehr berufliches Wissen unter immer mehr Menschen entsteht.

Damit antwortet die unternehmerische Entwicklungszusammenarbeit auf den Wunsch nach Unabhängigkeit. Alle Programme zielen darauf ab, Absolvierende zu entlassen, die dauerhaft auf eigenen Beinen stehen können. Die wiederkehrende Hilfe der immer gleichen Menschen ist nicht vorgesehen.

Und sie ist im besten Sinne unternehmerisch. Zu Trägern der Entwicklung werden einheimische Macherinnen und Macher, die ihre eigenen Projekte verwirklichen. Auch sie realisieren Business-Pläne, die sie langfristig unabhängig von fremder Hilfe machen sollen. Was dabei zählt, sind Eigeninitiative, Herzblut, Lösungsorientierung und Verantwortungsgefühl. Ihre soziale Motivation und ihre unternehmerischen Mittel machen sie zu Sozialunternehmerinnen und -unternehmern. Sie haben das Zeug, Afrikas Entwicklung aus der Armut nicht nur vorzutäuschen – sondern vorzuzeichnen.

Diese Revolution ernährt ihre Kinder

Justine Mukazungu, von der zum Einstieg die Rede war, ist eine von diesen Unternehmerinnen. Als ihr Baby Amelia viel zu wenig für ihr Alter wog, war die junge Mutter verzweifelt. Sie erinnerte sich an den Babybrei aus Hirse, Sojabohnen, Mais und anderen heimischen Getreidearten, den ihre Oma selbst gemacht hatte. Justine mischte den Brei für ihr Baby nach diesem Rezept – und wenige Monate später hatte Amelia kräftig zugenommen. Justine wusste, dass viele andere Mütter genauso verzweifelt sind wie sie und nicht genug Geld für Babynahrung der großen Importmarken haben.

Also gründete Justine ihr eigenes Unternehmen, Stina Foods, und stellt seitdem Babybrei „nach Omas Rezept“ her. Heute beliefert sie mit ihren 30 Angestellten über 300 Supermärkte ihrer Heimatregion, vier Krankenhäuser und drei Kinderheime. Tausende Kinder wurden mit ihrem Brei satt. Doch damit nicht genug: Stina Foods schult Kleinbäuerinnen im Getreide-Anbau. 300 von ihnen machte sie gleich danach zu ihren Lieferantinnen. So mehrt Stina Foods berufliches Wissen und verschafft immer mehr Menschen ein dauerhaftes Einkommen.

Am Ende des Weges steht der Beginn einer Entwicklung

In der klassischen Entwicklungshilfe spielen Frauen wie Justine keine Rolle. Dabei liegen in solchen Erfolgsgeschichten die größten Potenziale für Afrikas Zukunft. Deswegen stärkt die unternehmerische Entwicklungszusammenarbeit gezielt Justine und ihre Mitstreitenden. Und trägt endlich zu einer dauerhaften Verbesserung der Lebensverhältnisse bei.