stayrider: Meine ersten 30 Tage im Radrausch

By |2022-06-02T09:38:39+00:00Juni 2, 2022|stayrider|

Unser Autor Jürgen Hofer ist als #stayrider mit dem Fahrrad durch Europa unterwegs. In den ersten 30 Tagen überquerte er die Alpen im Schnee, wurde von Hunden gejagt, traf eine lebende Legende, verscheuchte Schlangen und wurde von einem Käse gerettet. Was ihm sonst noch unvergessen bleibt, schreibt er hier.

Zuerst ist da diese unfassbare Zahl. 7500 Kilometer sind jetzt auf meinem Zähler. Das ist so weit wie zehnmal von Stuttgart nach Kroatien, was sich schon wenige Urlauber:innen mit dem Auto zumuten würden. Diese Strecke bin ich in den letzten vier Wochen mit dem Fahrrad gefahren. Und habe dabei Eindrücke gesammelt, Menschen getroffen, Gefahren erlebt, die eigentlich für ein ganzes Leben reichen würden.

Eine dieser Gefahren ist das, was wir so oft auf die Schnelle einfach „Wetter“ nennen. Treffender ist das Wort „Naturgewalt“. Schon ganz am Anfang bekam ich diese Gewalt zu spüren. Als ich im Schneeregen und bei zwei Grad den Brenner passierte, die majestätischen, rauen Gipfel um mich herum, spürte ich, wie ungeschützt – ja, der Natur ausgeliefert – man als Mensch ist, wenn man eben nicht im Sechszylinder mit Sitzheizung über die Alpen rauscht. Sondern sich im bloßen Fahrrad-Outfit auf einem kalten Sattel jeden Höhenmeter erkämpfen muss.

Nach Regen und Kälte kamen Wind und Hitze. In Spanien war ich gegen den Wind unterwegs. Dazu kamen extreme Temperaturen bis zu 42 Grad. Während der ersten 250 Kilometer gegen den Wind und unter sengender Sonne habe ich geflucht, geschimpft, bin fast verzweifelt. Das Ergebnis: Es wurde noch härter. Um Burgos schwoll der mich ständig bremsende Wind zu einem ernstzunehmenden Sturm an. Heftige Böen drückten mich immer wieder zur Seite, und oft hatte ich Mühe, den Lenker gerade zu halten. Ich bin ehrlich: Mit einer solchen Herausforderung hatte ich nicht gerechnet. Aber irgendwann habe ich mich mit dem ständigen Wind abgefunden. Was man nicht ändern kann…

„Ich verbrenne 12000 Kalorien am Tag. Körperliche Reserven habe ich schon längst nicht mehr.“

Jürgen Hofer ist der #stayrider

Bier auf Rezept

Auch Ernährung kann eine Gefahr sein. Denn bei rund 12000 verbrannten Kalorien täglich muss ich Mengen essen, die jedem Diätdoktor die Tränen in die Augen treiben würden. Natürlich geht es nicht nur um Energie. Damit auch der Mineralienhaushalt im Gleichgewicht bleibt, wurde mir von medizinischer Seite alkoholfreies Weißbier „verschrieben“: Bier ist perfekt isotonisch und fast überall zu bekommen. Alkoholfrei muss es sein, denn der Alkohol würde mich nur noch weiter dehydrieren.

In Spanien wurde es brenzlig: Ich habe mich verfahren. Doch das Gebiet westlich von Barcelona ist spärlich besiedelt. Um lebensnotwendiges Wasser in brütender Hitze zu bekommen, hätte ich mich haargenau an meinen Tourplan halten müssen. Die Abweichung hätte lebensgefährlich werden können. Deswegen musste ich auf die planmäßige Route zurückzufinden. Die Folge war eine Schleife von 25 zusätzlichen Kilometern bei Hitze und Gegenwind. Ich musste ungeheuer viel Kraft aufwenden und kam doch unterm Strich nicht voran. Am Abend tat mir der Kopf weh. Es war wirklich hart.

Es gibt Situationen, in denen würde man alles essen. Eines Abends irgendwo in Nordfrankreich, um mich herum weit und breit: nichts. Ich hatte noch rund 40 Kilometer zu fahren, aber der Hunger zerrte mich fast vom Rad. Körperliche Reserven habe ich schon längst nicht mehr, ich muss also essen. Da tauchte der Straßenverkauf einer ganz kleinen Käserei auf. Und so schob ich mir auf die Schnelle fast ein halbes Kilo Camembert rein, ohne Brot, ohne Beilage. Dieser Käse hat mich gerettet.

He is Legend

Tag 11, der Tag meines persönlichen Highlights. Ich hatte die große Freude und Ehre, gemeinsam mit Mario Cipollini Fahrrad zu fahren! Auf 100 Kilometern zeigte er mir die schönsten Strecken seiner Heimat und verriet mir, wo es den besten Kaffee und den feinsten Kuchen gibt. Mario ist ein großer Champion, der erfolgreichste Radfahrer Italiens überhaupt, eine Legende. Aber er ist vor allem auch ein toller Typ, ein freundlicher, aufmerksamer und hilfsbereiter Mensch. Danke, Mario! Ich weiß nicht, wie viele zehntausend Kilometer Fahrrad ich in meinem Leben schon gefahren bin. Aber diese Etappe wird mir für immer im Gedächtnis bleiben.

„Die Etappe mit Mario Cipollini wird mir für immer im Gedächtnis bleiben.“

Jürgen Hofer ist der #stayrider

Europa mit allen Sinnen

Nach gut vier Wochen bin ich selbst überrascht davon, wie unglaublich vielfältig Europa ist. Auf dem Radl erlebe ich Extreme im Schnelldurchlauf: Luxuslimousinen vor dem Casino von Monaco und nur hundert Kilometer (also wenige Stunden) später die Drogendealer in Marseille. Als Radler bin ich wie ein Kamerablitz, der diese Szenen für einen Augenblick beleuchtet, mit allen Sinnen aufnimmt – und wenige Sekunden später schon wieder 100 Meter weiter ist. Mitten in der nächsten Szene.

In einer Szene durchquere ich kleine Dörfer entlang der Adria-Küste Richtung Bari. Dort lauern unzählige Wachhunde. Ich meine „echte“ abgerichtete Wachhunde. Sie liegen faul und gelangweilt am Straßenrand – und scheinen nur auf mich zu warten! Dann nehmen sie ihren Job sofort sehr ernst. Zum ersten Mal auf meiner Tour habe ich wirklich Angst. Ich habe das Gefühl, um mein Leben radeln zu müssen.

In einer anderen Szene steuere ich um Montpellier plötzlich auf eine zartrosa Wand am Horizont zu. Als ich näherkomme, erkenne ich tausende Flamingos, die sich im seichten Wasser tummeln. Ein majestätisches Bild. Und schon die nächste Szene, nördlich von Saragossa: Inmitten einer scheinbar unendlichen Sumpflandschaft sind für viele Kilometer Schlangen die einzigen Lebewesen, auf die ich treffe. Hunderte von ihnen lungern auf der Straße, um in nur kurzer Distanz vor mir zur Seite zu huschen.

Was uns reich macht

Unser Europa ist manchmal arm, manchmal ungeordnet, manchmal schmutzig, aber immer auch reich: Reich an Landschaften, sogar wilden Tieren, und vor allem Menschen. Denn wenn es eines gibt, was die neun Länder vereint, die ich bisher durchquert habe, dann ist es die unglaubliche Hilfsbereitschaft. In Italien wurde ich auf unzählige Espressi eingeladen, in den ärmsten Dörfern Portugals musste ich fast nie für eine Mahlzeit zahlen. Wer nur die Nachrichten unserer von Krisen und Kriegen geschüttelten Welt verfolgt, mag den Blick dafür verlieren, wie viel Freundlichkeit es um uns herum gibt. Als einfacher Radler, mit nichts als fünf Kilogramm Gepäck am Leib, spürte ich diese Freundlichkeit in Dankbarkeit und Demut.

Und dann ist da diese unfassbare Zahl. 7500 Kilometer habe ich noch vor mir. Halbzeit. In den nächsten vier Wochen will ich durch Osteuropa fahren, meine Heimat Österreich streifen, ans schwarze Meer, bis nach Griechenland radeln und an der Adriaküste wieder zurück. Ich bin auf die Eindrücke gespannt, die ich dort sammeln werde. Und ich hoffe auf weitere Unterstützung für meine Radtour durch Europa.

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