Ein geballtes Programm mit Projektbesuchen, Workshops und großer Konferenz erwarten die Mitarbeiterin Mary und den Praktikanten Raphael bei ihrer ersten Reise auf den afrikanischen Kontinent in der Vorweihnachtszeit. Lesen Sie, wie sie die besuchten Projekte bewerten und wie ein „Sprint“ zu nachhaltigen Lösungen führen kann.

An einem kalten Dienstag im November begann unsere aufregende Reise nach Kenia. Von Stuttgart aus ging es in die Hauptstadt Nairobi. Da es für uns beide die erste Reise auf den afrikanischen Kontinent war, machte es das ganze umso spannender. Für die nächsten 10 Tage standen Vor-Ort-Besuche (Field Visits) bei Mitgliedern der Angaza Stay Alliance Kenya, ein Workshop mit Beteiligung von Ruanda und Uganda sowie die Teilnahme an der Impact!Africa Konferenz auf dem Programm. Dazu trafen wir während der zweiten Hälfte unserer Reise unsere Kollegin Irina.

Field Visit bei Maji Agri Solutions und Agricycle

In Nairobi angekommen, verbrachten wir unseren ersten Tag mit organisatorischen Vorbereitungen, bevor wir dann am Tag darauf endlich mit den Field Visits beginnen konnten. Der erste Field Visit führte uns in den Nord-Osten von Nairobi zu einem Projekt von Maji Agri. Da unser geplanter Fahrer kurz vorher absagen musste, hatten wir Glück im Unglück und konnten gemeinsam mit Simon Wachieni, dem Gründer und Projektleiter von Maji Agri fahren. Dies machte unseren Besuch deutlich effizienter, denn wir konnten insgesamt vier Stunden auf der Hin- und Rückfahrt mit ihm sprechen. Dabei gab es von beiden Seiten viel zu erzählen, denn Simon verfolgt unsere Arbeit gespannt auf Social Media. Da er kein deutsch spricht, benutzt er Google translate um unsere Beiträge zu verstehen.

Auch wir sind von seinem Projekt total begeistert. Maji Agri bedeutet in Swahili, einer der kenianischen Landessprachen, so viel wie „Wasser für die Landwirtschaft“. Das wird aktuell zunehmend knapper, denn den Klimawandel bekommen die Menschen hier deutlich zu spüren. So wäre jetzt Regenzeit in Kenia, doch momentan ist das Wetter sehr trocken. Es war ein sehr intensives Gefühl anstelle der gewohnten Beiträge über den Klimawandel in den Nachrichten, dessen Auswirkungen direkt zu sehen und Bauern, deren Existenz davon abhängt, gegenüber zu stehen.

Simon arbeitet hart daran, auf nachhaltige Weise den längeren Trockenzeiten   entgegenzuwirken.   Er   entwickelte dafür   ein spezielles   Regenauffangbecken. Durch dieses können Felder auch außerhalb der Regenzeit bewässert werden. Ein großer Vorteil für die Bauern, die dadurch weniger von den seltenen Regenfällen Kenias abhängig sind. Seit 2017 konnte Simon mit seinem Konzept bereits 150 Bauern erreichen. Schon seit 2015 bietet er darüber hinaus landwirtschaftliche Schulungen an und verkauft passende Samen und Setzlinge.

Am nächsten Tag ging es zum zweiten Field Visit bei Agricycle. Über eine lange Zeit stellte der ertragreiche Anbau von Mangos eine große Herausforderung für die Bauern dar.  Denn Mangos verderben nach drei Tagen, deshalb müssen sie möglichst schnell verkauft werden. Jedoch warten die Mittelsmänner meistens so lang wie möglich, bis sie die Mangos von den Bauern abkaufen, damit sie die Preise drücken können. Bezahlt werden für die Mangos oft gerade mal 2 Schilling und verkauft werden diese dann auf der Straße für 30 Schilling pro Mango. Es gibt also eine große Gewinnspanne, von der kaum etwas den Bauern zu Gute kommt. Agricycle hilft diesen Bauern, indem sie Bauernvereinigungen Trockner für die Früchte verkauft. Daneben helfen sie den Bauern im Aufbau und der  Anwendung. Durch die Trocknung der Früchte sind die Früchte länger haltbar. Die getrockneten Früchte können dann um das 10-fache mehr Gewinn einbringen und das obwohl die Mangos beim Entfernen des Kerns und beim Trocknen sehr viel Gewicht verlieren. Die Kerne selbst werden als Heizmaterial eingesetzt, wenn die Sonne an Regentagen die Trocknung nicht übernehmen kann. Damit wird Müll vermieden. Während des Trocknungsprozesses wird sehr auf Hygiene geachtet, denn das garantiert eine höhere Qualität. Die Bauern vor Ort profitieren immens von der Zusammenarbeit mit Agricycle, denn  diese garantiert, dass die Zusammenarbeit nie zur Ausbeutung führt und für die Bauern ungünstige Konditionen im Zweifelsfall abgelehnt werden, selbst wenn sie mehr Gewinn bringen würden.

Problemlösungen im Team finden und erproben

Beim  Workshop zu Beginn der zweiten Woche widmeten wir uns der Arbeit mit einer neuen spannenden Methode. Basierend auf dem Buch „Sprint: How to solve big problems in five days and test new ideas.“ wollten wir innerhalb einer Arbeitswoche, von Montag bis Freitag, ein bestimmtes Problem in 5 vorgegebenen Schritten identifizieren und lösen. Tag 1 geht es um das bessere Verständnis des Problems, am Tag 2 geht es darum, mögliche Lösungsideen zu generieren. Am 3. Tag werden die besten Ideen ausgewählt, am vierten ein Prototyp erstellt, der am fünften mit der Zielgruppe erprobt wird. Teil der Methode ist, die Probleme und Lösungsansätze nur in Bildern auszudrücken. Als Problem wählten wir die uns inzwischen bekannte Thematik der Haltbarkeit von Früchten und erarbeiteten im Modellentwurf den Prototypen für einen mobilen großflächigen Trockner.

Netzwerken auf der Impact!Africa Konferenz

Leider hatten wir hierfür wesentlich weniger Zeit als fünf Tage, da wir Mittwoch und Donnerstag bei der Konferenz Impact!Africa für Sozialunternehmer in Nairobi verbrachten. Jedoch nutzten wir diese Gelegenheit, um unsere Idee den internationalen Konferenz-Teilnehmern zu präsentieren. Auf der Konferenz konnten die Teilnehmer sich miteinander vernetzen und von ausgewählten Sozialunternehmen lernen. Eine tolle Möglichkeit auch die Stay Alliances und Stay bekannter zu machen. Aus unseren Stay Alliances waren für Kenia Beatrice Kwamboka, Janet Mumo, , Patrick Nderitu und Anita Owiti dabei. Uganda war mit Micheal Akampurira und Daniel Muwanga vertreten. Aus Ruanda nahmen Martin Habinshuti und Blandine Umuziranenge teil.Unser Team hatte die Gelegenheit, Stay vorzustellen und sich mit anderen Teilnehmern auszutauschen, intensiv genutzt und viel neuen Input rund um das Thema Sozialunternehmertum mitnehmen können.

Wir   hatten   sogar   die Möglichkeit eine Breakout-Session zum Thema Open Source Business zu machen, während der auch Patrick und Daniel ihre Projekte vorstellen durften. Diese Session war interaktiv angelegt, sodass alle Mitglieder gemeinsam Vorschläge erarbeiten konnten, was erfolgreiches Sozialunternehmertum ausmacht. Das Ergebnis: Partnership und Capacity Building (Netzwerken und Trainings). Wir haben uns bei vielen Gesprächen und Vorträgen gefreut, dass viele unsere Idee von erfolgreichem Sozialunternehmertum teilen.  Grundsätzlich war es eine tolle Erfahrung, mit Leuten zusammenzukommen, die man auf anderem Wege vermutlich nicht getroffen hätte, und gemeinsam über Lösungen im Bereich des Sozialunternehmertums nachzudenken. Eine besondere Gelegenheit für Aufmerksamkeit und Austausch bot uns schließlich unser Prototyp des mobilen Früchtetrockners, der zum Ausgangspunkt vieler interessanter Gespräche wurde. Wir haben ihn mitten auf einem Gang des Konferenzgeländes aufgebaut und damit viele interessierte Teilnehmer angelockt.

Von der Idee zum Test in nur 5 Tagen

Am folgenden Tag konnten wir unseren Prototyp offiziell bei der Organisation Nutrifoods vorstellen. Tatsächlich fand unsere Idee großen Anklang, sodass wir gespannt sind, ob das Projekt zur nächsten Mango-Saison im Februar 2020 schon realisiert werden kann. Wir sind begeistert, dass die Methode Design Sprint, die   ursprünglich   aus   der   Wirtschaft   kommt   auch   in   einem   sozialen Anwendungsfeld funktionieren kann.

Mit unserem Besuch bei Nutrifoods endete zugleich unsere Reise. Die Zeit ging für uns viel zu schnell vorbei. Nun freuen wir uns darauf, unser neues Wissen mit dem Stay Team zu teilen.

Balmina Sehra