Vor 27 Jahren hat die UNO den 17. Oktober zum Internationalen Tag für die Beseitigung von Armut erklärt. Das Problem hat seitdem nicht an Brisanz verloren. Noch immer müssen viele Millionen Menschen unter existenzgefährdenden Bedingungen leben.

Was bedeutet eigentlich Armut?

Diese Frage ist sehr anspruchsvoll und lässt eine Menge Perspektiven zu. In Deutschland gilt von Armut bedroht, wer über weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens verfügt. Das hieß im vergangenen Jahr, weniger als 1035 Euro im Monat zu haben. Diskutiert wird Armut bei uns vor allem als Problem von sozialer Ausgrenzung. Wer über wenig Geld verfügt, kann sich den materiellen Standard seiner Mitmenschen nicht leisten und hat es schwerer, an Freizeit- oder Bildungsangeboten teilzunehmen. Mini-Renten, Hartz 4, Ungleichheit zwischen Ost und West, über all das kann fast täglich in den Medien gelesen werden. Armut als weltweites Phänomen ist dagegen deutlich weniger präsent. Das ist ein Stück weit verständlich. Schließlich nimmt jeder zuerst das wahr, was vor der eigenen Haustüre passiert.

Wie ist es um die weltweite Armut bestellt?

Ein Blick auf die Maßstäbe, die zur Messung von globaler Armut benutzt werden, zeigt, dass sich Armut vielerorts nicht um soziale Teilhabe, sondern das nackte Überleben dreht. Das verbreitetste Instrument zur Messung globaler Armut ist ein Richtwert der Weltbank. Nach diesem werden Menschen als extrem arm betrachtet, wenn sie am Tag weniger als 1,90 Dollar zur Verfügung haben. Die Kaufkraft des Dollars wird dabei in die lokale Währung umgerechnet. Mit weniger als 1,90 Dollar ist es laut dieser Rechnung für einen Menschen nicht möglich, sich mit allen lebenswichtigen Produkten zu versorgen. Dies gilt im Jahr 2019 für weltweit über 800 Millionen Menschen. Verglichen mit vergangenen Jahrzehnten eine deutlich geschrumpfte Zahl. Seit 2015 ist sie jedoch wieder im Anstieg begriffen. Einige Regionen sind dabei besonders stark betroffen. Von den 800 Millionen extrem Armen leben über 400 Millionen in Afrika. Das bedeutet für den Kontinent, dass wiederum ein Drittel der dort lebenden Menschen existenziell gefährdet sind.

Wie gehen wir in Deutschland und Europa mit globaler Armut um?

Unsere Aufmerksamkeit für die abgehängten Gebiete Afrikas hat sich mit den Nachrichten über Flüchtlingsströme und Ertrinkende im Mittelmeer sichtlich erhöht. Neue Schlagworte haben die politische Sprache angereichert. „Fluchtursachen“ müsse man bekämpfen oder einen „Marshallplan für Afrika“ erarbeiten. Der Weg für einen nachhaltigen Aufbau Afrikas mit Hilfe Deutschlands und der EU scheint jedoch tatsächlich noch sehr weit zu sein. Dabei ist die EU der mit Abstand größte Geldgeber Afrikas. Zahlreiche Programme sind in den letzten Jahrzehnten von Europa aus aufgelegt worden. Viele verliefen wieder im Sand oder erreichten nicht den gewünschten Effekt. Gründe hierfür gibt es viele. Ein häufiges Problem ist die dauerhafte Abhängigkeit von auswärtigem Geld, die nachhaltiges Wachstum verhindern und die Eigeninitiative vor Ort untergraben.

Kritisiert wird seit Jahren auch das Verhältnis zwischen Europa und Afrika im Bereich Handel und Wirtschaft. Durch umstrittene Zollvereinbarungen überschwemmen europäische Produkte immer wieder afrikanische Märkte, worunter die einheimische Produktion leidet. Als Paradebeispiel gilt die Landwirtschaft. Billige Hähnchenflügel, subventioniertes Milchpulver oder Gemüsekonserven setzen einheimischen Bauern zu oder treiben sie in den Bankrott. Zwar fordert Gerd Müller, der deutsche Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, immer vehementer faire Handelbeziehungen mit Afrika und mehr Geldmittel für Entwicklungshilfe. Hoffnung, dass eine echte Wende bald erreicht wird, bringen diese Worte jedoch kaum.

Was können wir schon jetzt tun?

Wir bei Stay haben nicht den Anspruch, die Politik zu beeinflussen oder die Regeln der Weltwirtschaft aus den Angeln zu heben. Wir konzentrieren uns auf das, was wir bereits jetzt tun können – und das ist eine Menge. In Afrika gibt es viele Menschen mit großem Potenzial und beherztem Engagement. Wir wollen diese Menschen unterstützen und zusammenbringen. Unsere wichtigsten Partner sind dabei die einheimischen Sozialunternehmer, die bereits aus eigener Kraft Projekte für Einkommen, Bildung oder Gesundheit stemmen. Das Potenzial dieser Menschen ist eine Ressource, die in der klassischen Entwicklungsarbeit viel zu wenig genutzt wird. Wir haben deshalb bereits in drei afrikanischen Ländern unsere Stay Alliance gegründet – ein Dach unter dem Sozialunternehmer ihre Kräfte bündeln können. In unserer Stay Alliance versuchen wir, die Projekte der Sozialunternehmer zu koordinieren und Kooperationen herbeizuführen. Innerhalb der Stay Alliance können so auch Weiterbildungen, Coachings oder Projektmittel organisiert werden. Entscheidend ist für uns, dass die Sozialunternehmer den Entwicklungsprozess in ihrem Land selbst gestalten. Ein Entwicklungsprozess mit Projekten, die sich langfristig tragen und in der Hand der Menschen vor Ort bleiben.

Quellen: bmz; dw; süddeutsche; un; bpb

Andreas Kalefe