Armut, Krankheit, keine Schule: Der Armuts-Kreislauf zwingt Kinder zu arbeiten und raubt ihnen die Aussicht auf ein besseres Leben. Doch  –  ein Befreiungsschlag ist möglich.

Der Flügelschlag eines winzigen Schmetterlings in Schanghai kann einen gewaltigen Wirbelsturm in New York auslösen. Mit unglaublichen Zusammenhängen wie diesem begründete der amerikanische Meteorologe Edward Lorenz die Chaostheorie. Im Kern geht es darum: In komplexen Systemen können kleinste Veränderungen, vermittelt über Abhängigkeiten und Rückkopplungen, große Umwälzungen nach sich ziehen. Lorenz ist seit über zehn Jahren tot, doch seine Theorie gilt mittlerweile in der Wissenschaft als anerkannt und hat zahlreiche Ableger in anderen Disziplinen erhalten. Und was hat das mit Armutsbekämpfung zu tun?

Extreme Armut ist ein komplexes System mit mehreren voneinander abhängigen Einflussgrößen: Wer hungert, wird leichter krank. Wer krank ist, kann nicht arbeiten. Wer nicht arbeitet, kann sich nicht die Schule für die eigenen Kinder leisten. Doch ohne Schulbildung laufen sie Gefahr, später einmal selbst Hunger zu leiden. Der Teufelskreis setzt sich in der nächsten Generation fort.

Auf der Suche nach dem Flügelschlag

Die Corona-Pandemie führt gerade vor Augen, wie ein Faktor von außen das Gesamtgefüge weiter in Richtung Abgrund treiben kann: Das Virus trifft die Ärmsten häufiger, weil sie häufig nicht Abstand halten oder sich die Hände waschen können. Die UN sprechen von einer „Katastrophe in der Katastrophe“ und von explodierender Armut. Parallel nimmt die Kinderarbeit um geschätzt 20 Prozent zu. Die „stille Exklusion“ weitet sich aus, also die Anzahl der Kinder, die nicht zur Schule gehen.

Aber umgekehrt gilt dasselbe. Ein Faktor kann das ganze System in eine andere Richtung bewegen. Es ist die Chaostheorie der Armutsbekämpfung: Der Teufelskreis kann durchbrochen werden, wenn nur an der richtigen Stelle eine kleine Veränderung vorgenommen wird. Die Frage ist nur, wo? Es ist die Suche nach dem Flügelschlag.

Ein eigenes Einkommen ändert alles

Fredica Baguma, Gründerin des ugandischen Sozialunternehmens RUHEPAI (Rural Health Promotion and Poverty Alleviation) ist sich sicher: „Wir sind es! Durch unsere eigenen Beiträge können wir es schaffen, aus der Armut herauszukommen.“ Fredica setzt nicht auf Hilfe von außen, sondern packt selbst an. Seit 2004 hat sie vielen Jugendlichen und jungen Erwachsenen landwirtschaftliches Wissen vermittelt und mit ihnen über Umweltschutz gesprochen. Bei ihr lernen Menschen, wie sie sich durch nachhaltige Anbaumethoden langfristig selbst versorgen können. Fredica lindert die Not der Ärmsten in ihrer Heimat nicht nur durch einmalige Hilfe, sondern eröffnet ihnen langfristige Perspektiven.

So wie auch Justine Mukazungu und ihr Start-up Stina Foods in Uganda. Als Justine Mutter wurde, hatte sie kaum genug Geld für Babynahrung. Also stellte sie nach einem alten Rezept ihrer Mutter den Babybrei selbst her; aus Hirse, Sojabohnen, Mais und anderen einheimischen Getreidesorten. Ihrem Baby bekam der Brei so gut, dass Justine daraus ein Sozialunternehmen gemacht hat: Heute beschäftigt Stina Foods direkt 30 Mitarbeiterinnen. Wichtiger noch sind die Farmerinnen und Farmer, die Stina Foods im nachhaltigen Getreide-Anbau schult und anschließend zu Lieferanten macht. In fünf Jahren möchte Justine ein Netzwerk aus 3500 Farmerinnen und Farmern aufgebaut haben. Das sind 3500 Menschen, die durch ihre Arbeit auf eigenen Beinen stehen und für sich und ihre Familien sorgen können.

Und das Potenzial ist noch viel größer. Heute bezieht Afrika mehr als ein Viertel seines Getreides von anderen Kontinenten. Gleichzeitig liegen laut Weltbank 90 Prozent der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche Afrikas brach. Experten sind sich einig, dass ein Wachstum, das in der Landwirtschaft ansetzt, rund viermal wirksamer beim Armutsabbau ist als Investitionen in anderen Wirtschaftsbereichen, schreibt der ehemalige Botschafter und Afrika-Kenner Volker Seitz.

Afrikanische Initiativen für Einkommen gibt es reichlich

Menschen mit eigenem Einkommen haben den Durchbruch geschafft. Denn ihr Geld versetzt sie in die Lage, auch für schwere Zeiten zu sparen oder Vorsorge für Krankheiten zu treffen. Und ihre Kinder erhalten eine realistische Chance auf Schulbildung und ein besseres Leben. Einkommen ist der Flügelschlag, der das System für immer verändert.

Afrikanische Initiativen zur Einkommensgenerierung gibt es reichlich. Zum Beispiel die kenianische Organisation „CIFORD“ (Community Initiative For Rural Development). Sie bildet Frauen in nachhaltiger Landwirtschaft, im Friseurhandwerk und in der Kleiderherstellung aus. Oder Golden Bees aus Uganda, das bereits mehrere tausend Imker ausgebildet hat und ihnen anschließend den Honig abkauft. Und in Ruanda betreibt die Organisation Young Women Mentors Network das Projekt „Rabbit keeping / kitchen garden“. Es richtet sich gezielt an junge Mütter, denen sie die Aufzucht und den Verkauf von Hasen lehrt. Außerdem lernen sie, Gemüse- und Kräutergärten anzulegen. Und es gibt noch viele weitere Beispiele (bei Facebook und Instagram stellen wir sie regelmäßig vor).

(Flügel-)Schlag gegen Armut

Einkommen macht den Unterschied. Die Anzahl der Menschen, die durch Sozialunternehmen wie die genannten erreicht werden, lässt sich systematisch erhöhen. Dazu schließen sich ihre Macherinnen und Macher in Netzwerken zusammen. Sie tauschen ihre Erfahrungen aus, schauen sich gegenseitig ihre Erfolge ab und entwickeln sogar gemeinsam neue, größere Einkommensprogramme. Ihre Plattform für das alles sind die „Stay Alliances“ in Uganda, Ruanda und Kenia. Sie verstärken bereits bewährte Konzepte zur Armutsbekämpfung, indem sie den Flügel mit zusätzlichen Muskeln ausstatten. Das macht ihn noch stärker im Kampf gegen Armut – und für eine bessere Zukunft der Kinder Afrikas.