Afrika und Corona: Die unerwartete Erfolgsgeschichte wendet sich zur Jahrhundertkatastrophe. Gerade die Ärmsten treffen die Corona-Folgen besonders hart. Hoffnung machen einheimische Initiativen.

Seit seinem ersten Auftreten Ende 2019 hat sich das neuartige Coronavirus in raschem Tempo über den gesamten Globus verbreitet und den Alltag überall auf den Kopf gestellt. Dabei sind die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Langzeitfolgen noch gar nicht absehbar. Aber sicher ist bereits jetzt, dass die Pandemie den afrikanischen Kontinent besonders hart trifft.

Die Lage könnte sich verschärfen

Dabei sah es anfangs noch gut aus. Entgegen aller Befürchtungen ist Afrika vergleichsweise gut durch die erste Corona-Welle gekommen. Die Todeszahlen waren relativ niedrig. Abgesehen davon, dass in vielen afrikanischen Ländern deutlich weniger getestet wurde, könnte dies an mehreren Faktoren liegen. Zum einen an den rasch getroffenen Schutzmaßnahmen. Beispielsweise hat sich Kenia vier Monate lang international abgeriegelt. Zum anderen an dem hohen Anteil junger Menschen, die selbst bei Ansteckung in der Regel nur geringe Symptome aufweisen. Außerdem spielt auch die vielerorts schlechte Infrastruktur eine Rolle: So konnte sich das Virus nur langsam ausbreiten. Wichtig sind auch die Erfahrungen aus der Ebola-Epidemie. Viele Gemeinden wussten, dass sie ihre Einwohnenden rasch über die Gefahr aufklären mussten.

Dennoch waren die wirtschaftlichen Schäden bereits in der ersten Welle immens: Bis September war die Wirtschaft quer über den Kontinent um 80 Prozent geschrumpft. Mittlerweile ist die zweite Welle auch über den afrikanischen Kontinent geschwappt. Seit Oktober ließ sie die Infektionskurven wieder steil ansteigen. Am stärksten betroffen ist Südafrika mit mehr als einer Million Infizierter. Die dort aufgetauchte Variante des Virus gilt zudem als wesentlich ansteckender. In den Krankenhäusern fehlen Sauerstoffgeräte, Intensivbetten und vor allem Personal. Gerade flachen die Kurven wieder ab. Wie verlässlich die Zahlen allerdings sind, ist ungewiss. Es fehlen Tests und der Gesundheitssektor ist in Sub-Sahara-Afrika mangelhaft ausgestattet. Die Dunkelziffern könnten daher weitaus höher sein

Die Ärmsten leiden am meisten

Mit dem Einbruch der Wirtschaft fallen immer mehr Menschen in extreme Armut. Die Einkommensverluste treffen vor allem Gelegenheitsarbeitende und Kleinverdienende, wie Händler, Frisöre, Fahrerinnen und Touristenführerinnen. Gleichzeitig steigen die Nahrungspreise und die Qualität und Menge der Lebensmittel nehmen ab. Mit der Armut kommt der Hunger. Laut Welternährungsprogramm könnte sich die Zahl der Menschen, die an Hunger leiden, verdoppeln.

Dazu kommen Mängel in der Gesundheitsversorgung. Aufklärung allein hilft da nicht. Denn trotz Wissens um Vorsorgemaßnahmen kann sich ein Drittel der Bevölkerung weder Masken noch Seife überhaupt leisten. Besonders schlimm ist die Situation für diejenigen, die in den riesigen Flüchtlingslagern hausen. Im April 2020 lebte eine halbe Million registrierter Geflüchteter in Kenia. Fast alle kommen aus Somalia und dem Südsudan. Sie leben in den zwei großen kenianischen Flüchtlingslagern Kakuma und Dadaab. Kakuma erstreckt sich auf einer Fläche von 15 km², Dadaab, das größte Flüchtlingslager der Welt, auf 50 km². Viele der Bewohnenden wurden dort geboren und haben nie woanders gelebt. Abstandhalten ist auf so engem Raum kaum möglich, ganz zu schweigen von Hygienemaßnahmen. Ohne Ärzte ohne Grenzen gäbe es keine medizinische Versorgung. Sie ist jedoch bei weitem nicht ausreichend, besonders jetzt in der Pandemie.

Ohne Schule keine Zukunft

Die UN warnen vor einer globalen Bildungskrise aufgrund von Corona. Laut einer Unicef-Studie hatte in Subsahara-Afrika fast jedes zweite Kind keinen Zugang zu Unterrichtsmaterialien, weil es weder Internetzugang noch Stromversorgung hatte. Selbst wenn die Regierungen versuchten den Unterricht über Radio, Fernsehen oder Internet aufrecht zu erhalten und Endgeräte zur Verfügung zu stellen, haben viele Haushalte nicht das Geld für Strom oder Gebühren. Eine kenianische Hilfsorganisation hatte daher die Idee, solarbetriebene Radios in den ärmsten Dörfern zu verteilen. Durch die Schulschließungen ist für viele Kinder nicht nur der Zugang zu Bildung verloren gegangen, sondern ihre einzige warme Mahlzeit am Tag. Darüber hinaus verlieren sie ein stützendes soziales Netzwerk.

Für Mädchen heißt dies vor allem, Schutz vor sexueller Gewalt, Frühverheiratungen und Schwangerschaften. Diese Fälle nehmen laut Berichten erschreckend zu. Seit Januar sind in Kenia die Schulen zwar wieder geöffnet. Aber 20 Prozent der Kinder zwischen sechs und elf Jahren können nicht mehr regelmäßig die Schule besuchen, weil die Eltern kein Geld haben. Die sozialen Ungleichheiten waren schon vorher groß in Afrika und Corona hat sie noch weiter verschärft. Die Bildungswege einer ganzen Generation sind in Gefahr. Die Folgen werden noch jahrzehntelang in der afrikanischen Gesellschaft und Wirtschaft zu spüren sein.

Afrika und Corona: Es gibt Hoffnung

Nun ruhen auch in Afrika die Hoffnungen auf den neuen Impfstoffen. Doch dabei kommt es auf internationale Zusammenarbeit an. Die faire Verteilung unter allen Ländern ist eine große Herausforderung. Die COVAX-Initiative der WHO soll dafür sorgen, dass weltweit alle Länder gleichen Zugang zu Impfstoff erhalten. Auch die Europäische Kommission unterstützt diese Initiative. Dennoch gehen Fachleute davon aus, dass es noch viele Monate dauern wird, bis ganz Afrika mit Impfstoff versorgt sein wird. Nicht einmal das besonders stark betroffene Südafrika hat bis Ende Januar überhaupt mit den Impfungen begonnen.

Hoffnung kommt aber auch aus anderer Richtung. Bemerkenswert sind die Initiativen vieler afrikanischer Unternehmen und NGOs. Und auch Kunstschaffende bringen sich ein, wie etwa Bobi Wine aus Uganda. Sie wollen mit ihren Songs und Musikvideos die Bevölkerung über Corona aufklären. „No Pata Pata“ (keine Berührung) – in Anlehnung an Miriam Makebas Song „Pata Pata“ – hat als Unicef-Song von Afrika aus, seinen Weg in die Welt genommen.

Afrika stemmt sich mit Ideen gegen die Coronakrise

Der „Brilliant African Innovations Against COVID-19“- Contest, veranstaltet von Africa.com, vergab im Mai 2020 drei Preise an innovative afrikanische Unternehmen. Eines entwickelte einen Corona-Schnelltest mit kombinierbarer App, die Symptome, Testergebnisse und den Standort der Anwendenden direkt an Gesundheitsbehörden übermittelt. Ein anderes Unternehmen hatte die Idee für die App „Epesi Trip Planner“. Mit dieser App lassen sich Tuk-Tuk-Fahrten im Voraus online buchen und bezahlen, um Fahrten in überfüllten Bussen und Bargeldzahlungen zu vermeiden. Das dritte entwickelte Wellvis, ein Programm, welches Menschen dabei hilft, ihr Risiko einzuschätzen an Covid-19 zu erkranken und Tipps zur Vorsorge gibt. Mit dieser App können Kliniken und Arztpraxen entlastet werden. Denn die sind jetzt schon am Limit. Takataka Plastics, ein innovatives Projekt zur Lösung des Plastikmüllproblems in Gulu, Uganda, stellt seit April 2020 Schutzvisiere für medizinisches Personal aus geschreddertem und recyceltem Plastik her, ohne dass dabei giftige Abgase entstehen. The AfricanDream.net kürt jeden Monat afrikanische Heldinnen und Helden. Im August letzten Jahres fiel die Wahl auf das Unternehmen „KaMaTim Concepts“ der Zwillingsbrüder Ayodeke. Die beiden Brüder entwickelten ein vollautomatisiertes, mobiles Handwaschgerät, welches in Abuja, der Hauptstadt Nigerias, zum Einsatz kommen soll.

Ein nachhaltiger Schutz vor Corona

Noch grundsätzlicher geht die ugandische NGO „Stay Alliance“ das Problem an. Afrika und Corona, das ist auch eine Geschichte von extrem niedrigem Einkommen. Die mangelhafte Gesundheitsversorgung ist nur eine Folge davon. Also packt die Stay Alliance das Problem an der Wurzel und entwickelt Ausbildungsprogramme, die für mehr Einkommen sorgen. In diesen Wochen startet die Stay Alliance mit der Ausbildung von Kleinbäuerinnen und -bauern zu Imkerinnen und Imkern in Uganda. Das Pilotprojekt hat gezeigt: Der Verkauf von Honig und Wachs verschafft ihnen ein stabiles zusätzliches Einkommen. Einige von ihnen haben damit doppelt so viel Geld monatlich zur Verfügung wie vorher. Die Ausbildung ist für sie die Voraussetzung zum Gelderwerb. Wer sich dann Nahrung leisten kann, ist wiederum in einer besseren gesundheitlichen Verfassung. Und nur wer gesund ist, kann sich um seine Bildung und Gesundheitsvorsorge bemühen; so schließt sich der Kreis.

Und es gibt auch einen noch größeren Kreis. Wie die künftige Chefin der Welthandelsorganisation (WTO) Ngozi Okonjo-Iwealas aus Nigeria sagte, hängen wir in der Pandemie alle zusammen: „Kein Land wird sicher sein vor der Pandemie, bevor nicht alle Länder sicher sind.“

Bärbel Leuschner

Quellen und Links:

Alliance 2015 Multi Country Research (10.12.2020),

DW „Südafrika droht die zweite Welle“ (22.12.2020),

DW „Zweite Corona Welle in Afrika“ (07.1.2021),

Deutschlandfunk Kultur „Wo knappe Essensrationen sich fast wie Luxus anfühlen“ (14.10.2015),

Süddeutsche Zeitung „Hoffen auf das Radio“ (25.1.2021),

Tagesschau „Afrika und das Coronavirus“ (25.09.2020),

Wirtschaftswoche „Ngozi Okonjo-Iweala wird wohl neue WTO-Chefin“ (06.1.2021),

Gemeinsam für Afrika,

Uno Flüchtlingshilfe,

Welthungerhilfe,

https://www.elearning-africa.com/reports_surveys_COVID19.php

https://www.africanews.com/2020/05/28/meet-the-winners-of-africacoms-brilliant- african-innovations-against-covid-19-competition/

https://www.takatakaplastics.com/